Tipps zum Bibellesen

Von Sven Fockner, Leiter Hope Bibelstudien-Institut.

WELCHE ÜBERSETZUNG IST AM BESTEN?

Das hängt ganz davon ab, was du vorhast. Jeder Bibelübersetzer muss sich entscheiden, ob er den Grundtext möglichst wörtlich wiedergeben will oder ob seine Übersetzung für den heutigen Leser leicht verständlich sein soll. Die Bibel ist ein sehr altes Buch. Das Alte Testament wurde in Hebräisch und Aramäisch zwischen 1500 und 500 v. Chr. geschrieben, das Neue Testament in Griechisch zwischen 50 und 100 n. Chr. Als Vergleich: Tutanchamun, der Pharao mit der berühmten goldenen Totenmaske, hat um 1300 v. Chr. gelebt. Die Bibel ist eigentlich eine Antiquität. Nur weil sie Gottes inspiriertes Wort ist und die Kraft hat, Leben zu verändern, steht sie in deinem Regal statt im Museum.


Das ändert aber nichts daran, dass die Menschen, die Gott als Schreiber ausgewählt hat, in einer völlig anderen Welt und komplett anders gelebt haben als wir. Man kann ihre Texte nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzen, weil unsere Worte nicht das Gleiche meinen wie ihre. Nimm zum Beispiel das Wort Erde. Für uns ist das ein Planet, der um die Sonne kreist. Wir sehen sofort den Globus vor unserem inneren Auge oder Aufnahmen aus dem Weltall. Aber was hat Erde für David bedeutet? Was hatte er vor Augen, als er in Psalm 24,1 das Wort „ha-aretz“ schrieb? Sicherlich ist unser Wort Erde nicht falsch, aber es ist auch nicht genau dasselbe.

Je weiter man sich dem Grundtext annähert, desto holpriger wird es im Deutschen. Die Übersetzung von Buber und Rosenzweig ist besonders radikal. 1. Mose 1,3 klingt dort so: „Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist. … Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.“ Das klingt komisch. So schreibt heute niemand mehr. Aber der Text ist ja auch alt. Moderne Übersetzungen versuchen deshalb, neue Worte zu finden und Unverständliches klarer auszudrücken. Damit entfernen sie sich zwangsläufig vom Grundtext. Man versteht diese Übersetzungen zwar besser, aber man versteht eben auch das mit, was der Übersetzer verstanden hat. Besonders schwierig wird es, wenn zwei moderne Übersetzungen den Grundtext unterschiedlich deuten. Vielleicht ist dir das schon einmal in einem Bibelkreis passiert. Da wird ein Text gelesen und plötzlich sagt jemand: „Bei mir steht es aber so.“ Und dann weiß man nicht, was jetzt eigentlich richtig ist. Das ist das Problem mit modernen Übersetzungen.

Ich finde, man sollte mindestens zwei Übersetzungen zu Hause haben. Eine gut verständliche (zum Beispiel Neues Leben Bibel) und eine wörtliche (zum Beispiel Elberfelder Bibel). Gerade wenn man sich intensiver mit einem Text beschäftigen will, finde ich die Holprigkeit und Fremdartigkeit der Elberfelder gut. Denn der Grundtext ist uns fremd. Und diese Fremdheit ist spannend. Sie fordert heraus. Sie enthält ungeahnte Tiefen. Aber nicht immer hat man die Kraft, in diese Tiefen vorzudringen. Dann ist es gut, eine Übersetzung zu haben, bei der andere einem schon einen Teil der Arbeit abgenommen haben.

 

WIE KANN ICH DIE BIBEL FÜR MEINE PERSÖNLICHE ANDACHT LESEN?

Die Bibel ist kein Andachtsbuch. Sie ist keine Ansammlung von erbaulichen Texten mit praktischen Anwendungen. Manchmal liest man sie und fragt sich, was man damit anfangen soll. Viele Christen neigen dazu, dem Text dann eine geistliche Lektion aufzuzwingen oder sie aus ihm herauszuquetschen. Das ist gefährlich, weil man so nur seine eigenen Gedanken wiederholt, anstatt auf Gott zu hören.

Deswegen: Hab Geduld! Die Bibel ist die Offenbarung des Wesens Gottes durch sein Handeln auf dieser Welt. Sie erzählt die Geschichte des Volkes Gottes. Wenn du die Bibel aufschlägst, dann nimmst du Anteil an dieser Geschichte. Du bekommst Einblick in das Leben deiner geistlichen Urahnen. Sie waren auf dem gleichen Weg unterwegs wie du. Sie hatten völlig andere Erfahrungen und Lebenswelten, aber sie waren gläubige Menschen wie du und folgten demselben Gott. Durch die Bibel steigst du in ihre Welt ein. Was sie erlebt haben und was Gott zu ihnen gesagt hat, ist auch für uns heute noch relevant.

Es ist so, als würdest du in der verlassenen Wohnung deiner Uroma stöbern. Da ist ein Foto von ihrer Taufe. Darunter ihre Lieblingsverheißung. Im Schrank findest du die Gemeindeordnung von anno dazumal und das Programm der Gottesdienste, bei denen sie mitgearbeitet hat. Ganz unten liegt ein Brief, der davon berichtet, wie Gott ihr durch ein Wunder das Leben gerettet hat. Indem du an ihrem Leben Anteil nimmst, lernst du auch Gott besser kennen. Bei bestimmten Menschen – vor allem Propheten – hat Gott diese Fragmente der Vergangenheit in der Bibel aufbewahrt, um uns sein Wesen und seinen Willen zu offenbaren. Wenn du zum Beispiel liest, wie Opa Mose im Heiligtum Gottesdienst gefeiert hat (3. Mose), klingt das zunächst einmal fremd, vielleicht sogar langweilig. Aber wenn man sich damit beschäftigt, entdeckt man Aspekte der Erlösung, die heutzutage oft unterbelichtet bleiben.

Es gibt keinen Trick, die Bibel spannender zu machen, als sie ist. Es braucht auch keinen, denn sie ist spannend genug. Man muss sich nur darauf einlassen. Das geht nicht instant und to go. Das braucht Zeit und Ruhe und Geduld. Lies einfach und bitte Gott, dass er zu dir persönlich spricht. Und dann sei demütig genug zu warten, bis er es tut. Das wird nicht jedes Mal passieren, wenn du sie aufschlägst. Aber jedes Mal lernst du ihn und seine Geschichte mit den Menschen besser kennen.

WAS, WENN ETWAS ABSOLUT KEINEN SINN ERGIBT?

Keep calm and read on. Es ist völlig normal, dass man etwas nicht versteht. Das passiert bei jeder Form von Kommunikation. Wenn ein Freund etwas Unverständliches von sich gibt, fragt man nach. Bei der Bibel kann man nur hoffen, dass der Text es an anderer Stelle von sich aus erklärt. Deshalb ist das Lesen im Zusammenhang unerlässlich. Neulich fragte mich zum Beispiel jemand, wer die Feinde in Lukas 19,27 sind. Der Text beantwortet diese Frage in Vers 14 desselben Kapitels selbst. Wenn dich also etwas verwirrt, dann lies, was vorher und nachher kommt. Worum geht es in diesem Abschnitt oder Kapitel? Wie laufen die Geschichte oder der Gedankengang des Autors?

Beachte auch das Prinzip, dass klare Stellen die unklaren beleuchten können. Frag dich also: Fallen mir Texte in der Bibel ein, die etwas zum gleichen Thema sagen? Wie passt das mit dem, was du gerade gelesen hast, zusammen? Schlag sie unbedingt auf und lies nach. Oft hat man Dinge nur grob in Erinnerung. Achte auch darauf, dass du diese Parallelstellen nicht aus dem Zusammenhang reißt.

Wenn dir das alles nicht hilft, dann frag dich, ob dir vielleicht eigene Vorstellungen im Weg stehen. Manchmal stoßen wir uns an Texten, weil sie einem falschen oder unvollständigen Bild widersprechen, das wir uns gemacht haben. Bei der Beantwortung dieser Frage können dir andere Gläubige weiterhelfen. Wer die Bibel nur für sich alleine liest, läuft Gefahr, sich in einem System aus sich selbst stützenden Irrlehren zu verfangen. Deshalb ist es so wichtig, die Bibel gemeinsam mit anderen zu lesen und sich darüber auszutauschen.

Und wenn ihr selbst als Gruppe ratlos seid? Keep calm and read on. Denn letztendlich ergibt die Bibel nur als Ganzes Sinn. Erst wenn du die gesamte Botschaft verinnerlicht hast, kannst du alle Teile korrekt zuordnen. Und das ist eine Lebensaufgabe! Man muss auch nicht immer alles verstehen. Stell dir vor, du hättest jetzt keine Fragen mehr, was solltest du dann in zehn Jahren entdecken?

Ach ja: Natürlich gibt es auch Hilfsmittel wie Bibelkommentare oder andere Bücher und Webseiten. Du kannst zum Beispiel deinen Pastor fragen oder dich an das Bibelstudien-Institut wenden: www.bibelkurse.de. Solche „Abkürzungen“ können für den Moment eine gefühlte Spannung auflösen. Auf Dauer verhindern sie aber die persönliche Begegnung zwischen dir und dem Wort Gottes. Und welche Garantie hast du, dass der Kommentar recht hat? Sei dir also bewusst, dass wesentlich schlauere oder reifere Christen als wir sich bereits mit dem Text beschäftigt haben. Aber nimm das nicht als Ausrede, dir keine eigenen Gedanken mehr machen zu müssen, sondern tauch selbst in den Text ein.

In diesem Sinne: Schnapp dir die Übersetzung, die du gerade greifbar hast oder die dich am neugierigsten macht. Fang an zu stöbern. Und lass dich von Gott überraschen!